Passkontrolle!

Passkontrolle!

Die Wiener Freizeitpädagogin Mülkiye Laçin wird seit Monaten von den Behörden in der Türkei festgehalten. Ihr Pass wurde eingezogen und ohne Papiere kann sie nicht ausreisen. Jetzt startet der Prozess.

Mein Pass liegt seit einigen Wochen auf der Botschaft von Burundi in Berlin. Das Visum für das kleine ostafrikanische Land ist kein Schnäppchen, neben Fotos müssen auch Hotelreservierungen oder Einladungen mitgeschickt werden. Während in einigen afrikanischen Ländern online und unkompliziert Visa beantragt werden können, kosten einen manche Botschaften echt Nerven. Sie lassen sich gerne Zeit beim Ausstellen der Visa und halten uns einen Spiegel vor: „Europäer behandeln Afrikaner schiarch, die als Touristen oder Geschäftsleute nach Europa reisen wollen? Nun denn, das können wir umgekehrt auch ganz wunderbar“, scheinen sie zu sagen.

Kein Visum für die Rechtsstaatlichkeit

Ich bin also wieder einmal einige Wochen ohne Pass – und merke, dass unsere Welt doch nicht so frei ist, wie wir denken. Das spüren Menschen umso mehr, die gegen ihren Willen in einem Land festsitzen. Das sind Menschen wie Mülkiye Lacin. Seit Juli letzten Jahres wird die Österreicherin mit kurdischen Wurzeln in der Türkei festgehalten. Sie ist österreichische Staatsbürgerin, hat Job, Wohnung und zwei erwachsene Kinder in Wien. Seit bald einem halben Jahr muss Mülkiye Laçin nun in ihrem halbfertigen Sommerhaus in einem kleinen Dorf in der Zentraltürkei hausen. Die 57-jährige kann das Häuschen kaum heizen und um in den nächsten Lebensmittelladen zu kommen, muss sie eineinhalb Stunden mit dem Bus fahren.

Schwammige Vorwürfe

Keine drei Stunden Flugzeit von Österreich entfernt wird also seit Monaten eine Österreicherin festgehalten, ohne zu wissen, was ihr konkret vorgeworfen wird. Anscheinend geht es um eine recht konstruierte Nähe zur PKK, mal habe sie in Facebook auf Kurdisch ein schönes neues Jahr gewünscht, mal eine Rede im Kurdischen Demokratischen Zentrum gehalten. Heute, am 9. Jänner, beginnt nun ihr Prozess – und ich kann nur in Gedanken bei ihr sein. Gerne wäre ich in die Türkei geflogen, um als Prozessbeobachterin der konsularischen Betreuung Österreichs zusätzliches Gewicht als Nationalratsabgeordnete zu geben. Ohne Pass ist dies nicht möglich, ein Notpass wird von der Türkei nicht akzeptiert.

Mächtiger Pass – wenn er nicht abgenommen wird

Der Henley Passport Index and Global Mobility Report zeigt, welche Pässe beim Reisen am nützlichsten sind. Österreich hält sich hier seit Jahren unter den Top 10, aktuell auf Platz 7. Wir genießen oft Visumsfreiheit oder können diese bequem bei der Einreise beantragen. Im Gegensatz zu etwa Somalis, Bengalis oder Äthiopiern müssen wir kaum fürchten, dass unsere Anträge abgelehnt werden, denn unser Pass ist mächtig. Das hört sich aber schnell auf, wenn ein Land beschließt, eine_n Reisende_n oder auch Bürger_in des Staates all ihrer oder seiner Rechte zu berauben und den Menschen einfach festhält. Monatelang und mit dem Damoklesschwert einer Verurteilung für an den Haaren herbeigezogenen Vergehen.

Für Mülkiye Laçin bedeutet dies: Ohne konkrete Vorwürfe, können die Anschuldigungen nicht widerlegt werden. Sie kann nur den Prozess abwarten und dann sehen, ob neue Vorwürfe erhoben werden. Bis auf weiteres sitzt sie leider fest. Und ich werde vorerst aus ihrer Heimat beobachten und dokumentieren.