Schwangerschaftsabbruch: Mit Daten in den Kreuzzug gegen Frauen

Neutrale Daten sind ein Ideal – in sozialen Angelegenheiten sind sie aber ein Mythos.

Die Salzburger Landesregierung will nicht nur eine fragwürdige Informationskampagne lancieren, sondern auch eine Studie zu Schwangerschaftsabbrüchen. Objektive Erkenntnisse sind davon nicht zu erwarten

Dauergebete vor Beratungsstellen, Versand blutiger Plastikföten an Politikerinnen und Politiker, Drohbotschaften an Ärztinnen und Ärzte, Hassnachrichten an schwangere Frauen, die keine Mütter sein wollen: Angebliche Lebensschützer kämpfen im Namen Gottes weltweit gegen Abtreibungen. Einen Etappensieg können sie nun in Salzburg feiern. In ihrem Regierungsübereinkommen wollen ÖVP und FPÖ unter dem Punkt “Kinder & Familie” eine Kampagne zur “Vermeidung ungewollter Schwangerschaft sowie zu Adoption und Pflegeelternschaft als Alternative zum Schwangerschaftsabbruch ausarbeiten”.

Bezeichnend, dass dieses Vorhaben für die Landesregierung nicht unter das Kapitel “Frauen” fällt. Wer Adoption als Alternative zu einem Schwangerschaftsabbruch kampagnisiert, reduziert Frauen auf ihre Gebärmutter und trägt dazu bei, dass Betroffene und Ärztinnen und Ärzte für Abbrüche noch mehr stigmatisiert werden. Die vermeintliche Alternative legitimiert die sexistische Ansicht, dass Politik und Gesellschaft bei höchstpersönlichen Lebensentscheidungen von Frauen mitreden können.

Ein Punkt, der in der Debatte völlig untergeht, findet sich eine Zeile weiter. Hier möchte die Landesregierung Motive für Abtreibungen unter die Lupe nehmen: “Zielführend wäre auch eine anonymisierte Studie, die das Alter der Frauen sowie auch die Gründe für Schwangerschaftsabbrüche aufzeigt, um das Beratungsangebot anpassen zu können.” Vorgebliches Ziel ist das Schaffen von Evidenz zu den Motiven.

Tatsächlich sind neutrale Daten ein Ideal – in sozialen Angelegenheiten sind sie aber ein Mythos. Und sie dienen oft anderen Zwecken. Heute weiß der österreichische Staat sehr viel über seine Bewohnerinnen und Bewohner – vom Wohnsitz bis zum Religionsbekenntnis. Die Grundlage schuf Maria Theresia. Die Monarchin ließ 1753 zum ersten Mal ihr Volk zählen. Recht schnell wurde die Volkszählung zu einer Aufstellung wehrpflichtiger Männer und ebenso von Nutztieren, mit denen man im Kriegsfall die Armee versorgen kann. Mit dem scheinbar harmlosen Datenmaterial wurde die Grundlage für militärische Mobilisierungspläne geschaffen.

Schnell entlarvt

Ähnlich mobilisieren Lebensschützer, die sich selbst in einem Kreuzzug verorten. Eines ihrer Anliegen ist die Erforschung von Abtreibungsmotiven. Dieses Anliegen tragen sie regelmäßig mittels Petition ins Parlament. Ihren Ursprung hat der harmlos wirkende Wunsch nach mehr Daten zu Schwangerschaftsabbrüchen in evangelikalen und ultrareaktionären Kreisen in den USA. Diese wollen damit die Tür für mehr Restriktionen noch weiter aufstoßen. Was sei denn schon dabei, wenn man mehr Informationen über die Motive von Schwangerschaftsabbrüchen sammelt, fragen Abtreibungsgegnerinnen und Abtreibungsgegner, deren Forderung nach mehr Daten nun auch in Salzburg auf fruchtbaren Boden stößt.

Dass es sich dabei um pure Agitation handelt, ist schnell entlarvt. Für Schwangerschaftsabbrüche gibt es nur zwei Gründe: Entweder ist der Abbruch medizinisch indiziert, etwa weil der Fötus schwere Missbildungen aufweist oder das Leben der Mutter in Gefahr ist. Oder die Frau möchte dieses Kind nicht austragen. Mehr geht niemanden etwas an.

Alle weitergehenden Daten, die mittels Studie erhoben werden, sowie deren Auswertung erfordern nämlich eine Klassifikation. Diese muss erst geschaffen werden. Mit einer Klassifikation geht jedoch immer eine Bewertung einher. Wer aber klassifiziert die Gründe einer Abtreibung – und vor allem: mit welchem Erkenntnisziel? Und wie wird von wem über die Gründe entschieden? Wenn beispielsweise eine Schwangere angibt, dass sie einen Abbruch möchte, weil ihr Partner arbeitslos und gewalttätig ist und sie außerdem ihre Ausbildung abschließen möchte, um aus dieser schwierigen Lebenssituation rauszukommen – was ist nun der Grund für die Abtreibung? Was sind “gute” Gründe – und was schlechte? Wo sollte hier Beratung ansetzen? Wie soll eine Freigabe zur Adoption diese schwierige Situation lösen?

Solche Befragungen schaffen keine Evidenz. Sie sind ein Feigenblatt, das helfen soll, die eigene Agenda von Adoption als Alternative zu untermauern. Denn die Abwägung der Gründe für oder gegen eine Schwangerschaft obliegt der Schwangeren. Alles andere sind abstrakte Diskussionen, die den betroffenen Frauen und den handelnden Ärztinnen und Ärzte gar nicht helfen. So entstehen keine objektiven Erkenntnisse, sondern nur Material für Agitation.

Hier zeigt sich einmal mehr ein rückwärtsgewandtes Weltbild – und vor allem ein tradiertes Frauenbild. Unter dem Deckmäntelchen von Evidenz wird pure Ideologie betrieben. Wie so oft auf dem Rücken von Frauen. 

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